Meine Arbeitsstelle

Mit dem Eintrag zu meiner Arbeit hier in Bolivien habe ich mir ziemlich viel Zeit gelassen, da ich das alles erstmal selbst auf mich wirken lassen wollte. Aber da meine Eintragungen ja doch ein wenig den Eindruck erwecken könnten, mein Leben hier besteht nur aus Reisen und Fiestas, werde ich euch jetzt mal einen Einblick in meinen Alltag hier und die Arbeit geben.

Als Einstieg möchte ich kurz etwas zum Gesundheitssystem erklären. In Bolivien werden die Gesundheitszentren in drei Niveaus unterteilt. Die Einrichtungen des ersten Niveaus bieten Dienstleistungen wie zum Beispiel Verbandswechsel, Impfen oder Blutdruck messen an. Außerdem arbeiten hier Krankenschwestern und meist ein Arzt, sodass erste Hilfe geleistet werden kann. Es gibt hier keine stationären Patienten. Die Einrichtungen des zweiten Niveaus sind richtige Krankenhäuser. Hier gibt es einen OP und die grundlegenden Fachrichtungen, wie zum Beispiel Gynäkologie, Pediatrie oder Kardiologie. Meine Arbeitsstelle beinhaltet außerdem ein Labor, eine Physiotherapie, und die Möglichkeit für Röntgen- und Ultraschalluntersuchungen. Bei Erkrankungen oder selteneren Eingriffen, die einen bestimmten Spezialisten oder eine spezielle Ausstattung erfordern, muss der Patient ein Krankenhaus vom dritten Niveau aufsuchen. Die drei Krankenhäuser hier gehören zum zweiten Niveau. Daher werden alle „schlimmeren Fälle“ mit einem Krankenwagen auf die ca. vierstündige Fahrt nach Santa Cruz geschickt.

In Camiri gibt es einerseits die „Caja Nacional“ und die „Caja Petrolera“, beides sind Krankenhäuser für Patienten die versichert sind. In der Caja Petrolera beispielsweise sind die Patienten über ihre Arbeitgeber versichert. Andererseits gibt es das „Hospital Municipal Camiri“. Hier werden alle behandelt, die keine Versicherung haben. Daher müssen sie ihre Behandlungen und die dazu benötigten Medikamente und Materialien selbst bezahlen. Das Hospital Camiri ist mit Abstand das größte Krankenhaus in Camiri.

Ich arbeite in der Caja Petrolera, also in einem der Krankenhäuser für Patienten mit Versicherung. Das Krankenhaus ist also auch ein wenig besser eingerichtet. Die Patienten haben einen Fernseher und müssen sich nur zu zweit ein Zimmer teilen. Im Gegensatz dazu gibt es im Hospital Camiri nur große Säle für die verschiedenen Fachbereiche, in welchen alle Patienten zusammen liegen.

Die ersten Wochen waren nicht ganz einfach, da ich doch ziemliche Kommunikationsprobleme hatte. So konnte ich nicht wirklich mit den Patienten reden und auch die Verständigung mit meinen Kollegen war ziemlich schwierig. Mir haben so viele Vokabeln für den Krankenhaus-Alltag gefehlt. Hinzu kam auch noch, dass die Camirenos ziemlich nuscheln und das „s“ so gut wie nie aussprechen. Aus „Vamos a Santa Cruz“ wurde dann „Vamo a Santa Cru“ oder „Es lo mismo“ hieß auf einmal „E lo mimo“. Diese Sprachbarriere hat mich ziemlich eigeschränkt und mir wurde dadurch eben auch nichts zugetraut. Das hat sich mit der Zeit aber sehr verbessert und ich habe schließlich auch sehr nette Kollegen kennengelernt, mit denen ich teilweise auch außerhalb der Arbeit Zeit verbringe.

Ich arbeitete bis jetzt in verschiedenen „Servicios“, also verschiedenen Teilen des Krankenhauses. Angefangen habe ich im „Sala de curaciones“. In dieser ersten Zeit durfte ich auch das ein oder andere Mal in`s OP. Das war dann aber eher eigennützig, denn hier konnte ich nicht so behilflich sein. Nach zwei Monaten bin ich dann in den „Sala de guardia“ gewechselt. Hier habe ich die meiste Zeit verbracht, bevor ich zwei Monate im Labor gearbeitet habe.

Jetzt werde ich dann in der Physiotherapie-Abteilung des Krankenhauses anfangen und dort behilflich sein. Außerdem habe ich zusätzlich zu der Arbeit im Krankenhaus noch nachmittags angefangen im Kinderheim zu arbeiten. Aber darüber werde ich in einem anderen Beitrag berichten.

Nun zu den Aufgaben, die ich in den verschiedenen „Servicios“ innehatte. Meine erste Zeit im „Sala de curaciones“ war ziemlich aufregend, da ich ja wie gesagt ziemliche Kommunikationsprobleme hatte und auch sonst alles total neu war. Der „Sala de curaciones“ übernimmt eigentlich so die gleichen Aufgaben, wie die Gesundheitseinrichtungen des ersten Niveaus. Hier kommen die Leute zum Verbandswechsel oder zur Wundheilung hin, wenn ihnen irgendwelche Medikamente gespritzt werden sollen, zum Impfen, Blutdruck oder Fieber messen. Außerdem behandelt der Notfallarzt hier kleinere Verletzungen, wie zum Beispiel Schnittwunden. Meine Aufgabe war es, die hier eingeteilte Krankenschwester, zu unterstützen. So habe ich zum Beispiel die Daten der zu behandelnden Patienten notiert oder Blutdruck gemessen, sowie bei Behandlungen assistiert.

Manchmal, durfte ich, wie bereits erwähnt in dieser Zeit auch mit in den OP und so habe ich bei mehreren Operationen zugesehen – auch eine tolle Erfahrung.

Ab November bin ich dann in den „Sala de guardia“ gewechselt. Hier arbeiten die Krankenschwestern und Ärzte, die die stationären Patienten betreuen. Meine Arbeit bestand wieder darin, die Krankenschwestern und teilweise auch die Ärzte zu unterstützen und so habe ich bei der Visite assistiert, die Vitalzeichen der Patienten gemessen, bei der Pflege der Patienten geholfen, die Patienten zum Röntgen oder zum Ultraschall gebracht, Medikamente aus der Krankenhausapotheke abgeholt usw.

Durch eine Fußverletzung wechselte ich kurzfristig  nach mehr als drei Monaten vom „Sala de guardia“ ins Labor. Im Labor werden am morgen immer die Blutproben stationärer und nicht stationärer Patienten genommen, hier habe ich assistiert und die Patienten registriert. Danach wurden die Blut- Urin und Kotproben, gemäß der Anweisung des behandelnden Arztes, untersucht. Hier habe ich nach kurzer Zeit Maschinen bedienen können, beim Notieren und Übertragen der Ergebnisse geholfen und  mich mit weiteren kleineren Tätigkeiten nützlich gemacht.

Die Art zu arbeiten war für mich anfangs ein wenig befremdlich. Man bekommt keinen Plan und klare Anweisungen, muss von sich aus auf seine Kollegen zu gehen und sich selbst einbringen. Momentan bin ich der Meinung, dass die zwei wichtigsten Dinge für die Arbeit hier im Krankenhaus, Motivation und Eigeninitiative sind. Die Arbeit wird einem nicht zugeteilt, sondern man muss viel mehr danach suchen. Wenn man das macht und motiviert und offen auf die Kollegen zu geht, dann kann man sich, denke ich, aber ganz erfolgreich einbringen.

Die perfekt durchgeplante Struktur in einer Einrichtung in Deutschland, wie zum Beispiel eben im Krankenhaus, sucht man hier vergeblich. So kommt es durch mangelnde Organisation oft zu Medikamentenknappheit oder Verzögerungen irgendwelcher Behandlung. Auch die Hygienestandards können sich nicht mit europäischen Verhältnissen messen. Hier ist mir zum Beispiel aufgefallen, wie wenig Wert darauf gelegt wird, sich als Arzt oder Krankenschwester selbst zu schützen. Es werden meiner Ansicht nach viel zu selten Gummihandschuhe verwendet, auch wenn man mit dem Blut des Patienten in Berührung kommen könnte. Auch die Reinigung der Zimmer wenn ein Patient das Krankenhaus verlässt ist nicht vergleichbar mit den Standards in Deutschland. Ein weiterer Punkt ist die Trennung des Mülls, egal ob Spritzen oder Medikamentenverpackungen, alles wird zusammen in einer normalen Mülltüte entsorgt.

Auf der anderen Seite möchte ich aber auch betonen, wie viel sich momentan im Gesundheitsbereich verbessert. Nicht nur im Krankenhaus an sich, sondern auch für die Bevölkerung. So gibt es zahlreiche Aktionen zur Aufklärungen über Verhütung oder verschiedener Krankheiten, wie zum Beispiel Tuberkulose oder Brustkrebs. Die Gynäkologen gehen hierfür auch in Schulen oder es werden Infoveranstaltungen auf der Plaza veranstaltet. Dabei sparen die Initiatoren nicht mit Rüschen und Glitzer, mit welchen sie ihre selbstgemachten Plakate verzieren. J Und an Karneval wurde beim Umzug nicht nur Farbe, Wasserbomben oder Süßigkeiten, sondern auch Kondome unter die Leute gebracht. Also ist man meiner Ansicht nach schon auf einem guten Weg.

So das soll es für das Erste einmal gewesen sein. Ich hoffe ich konnte euch einen guten Eindruck vermitteln. Außerdem möchte ich, wie ganz zu Beginn des Jahres schon einmal erwähnt, noch einmal betonen, dass was ich hier veröffentliche meine ganz persönlichen Eindrücke und Erlebnisse sind. Daher muss es nicht sein, dass es überall in Bolivien genau so abläuft und dass jeder das genauso wahrnimmt wie ich. Daher bitte ich euch auch, die Informationen, vor allem aus diesem Eintrag, als meine persönliche Meinung und Eindrücke aufzufassen und nicht als feststehende Tatsache.

Liebe Grüße aus dem immer kälter werdenden Camiri!

Jessi

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